Überall stolpert man momentan über Erinnerungen und Berichte rund um die Ereignisse vor 25 Jahren. Das finde ich spannend und interessant, vor allem, wenn persönliche Eindrücke wieder gegeben werden. Und es hat mich inspiriert, ebenfalls ein paar Gedanken aufzuschreiben.
Am Freitag gab es in der Oberstadtkirche eine Gedenkveranstaltung zu den Ereignissen in unserem Ort. Es gab Berichte von Zeitzeugen, Taizé-Lieder und am Ende wurden Kerzen angezündet, die vor der Gedenktafel außen an der Kirche auf einem Tisch abgestellt werden konnten. Dadurch hab ich mich auch wieder an einiges erinnert, was ich scheinbar vergessen hatte.
Ich bin in der DDR groß geworden. In unserer Familie gab es einen sehr guten Zusammenhalt, die Unzufriedenheit mit dem System schweißte zusammen. Bei Familientreffen wurde regelmäßig dem inneren Ärger Luft gemacht, aber es gab keine Gedanken an Ausreise. Zumindest hab ich nie etwas in der Richtung mitbekommen. Allerdings sprachen meine Eltern schon auch darüber, wie es "drüben" ist oder wer Ausreisen durfte. Außerdem bekamen wir einmal im Jahr kurz vor Weihnachten ein Westpäckchen, in der Regel waren da nur essbare Leckereien drin. Das hob meine Mutter auf und verteilte es an Weihnachten auf die "Bunten Teller".
Zu einem älteren Ehepaar in unserer Straße kam in den Sommerferien immer die Enkeltochter von "Drüben" mit dem Zug. Mit ihr spielte ich viel, manchmal unterhielten wir uns darüber, wie sie lebt, aber im Grunde war das nebensächlich. Es waren einfach andere Dinge, die uns interessierten.
Im Wesentlichen führten wir ein gutes mittelständisches Leben und an die Gegebenheiten, die mit der Planwirtschaft einher gingen, hatten wir uns angepasst. Man kaufte eben, wenn es etwas gab, nicht wenn man es brauchte. So lagerte hinter dem Haus ein großer Stapel Bretter, bis irgendwann das Dach des Hauses neu gemacht werden würde. Und wenn am Gemüseladen eine lange Schlange stand, stellte man sich einfach dazu ohne zu wissen, was es gab. Das erfuhr man in der Schlange.
Als Kind lebte ich damals recht frei. Ich erledigte die Hausaufgaben direkt nach der Schule und ging danach raus. Meist klingelte ich einfach bei anderen Kindern, entweder sie hatten Zeit, dann spielten wir zusammen, oder sie hatten keine Zeit, dann klingelte ich halt woanders. Hatte ich nachmittags Hunger, musste ich 15.30 Uhr zu hause sein, da gab es Kaffeetrinken bei meinen Eltern. Ansonsten musste ich 18 Uhr zu Hause sein, im Winter früher, wenn es dunkel wurde. Nach dem Abendbrot durften wir noch Sandmann schauen, danach war Schlafenszeit.
In der Schule wurde ich sozialistisch erzogen. In diesem Zuge hatten wir im Heimatkundeunterricht einen Film geschaut, wo es um "Drüben" ging. In meinem Gedächtnis gibt es noch eine Szene aus dem Film, wo ein kleines Mädchen traurig sagte "Wir haben kein Geld, weil meine Eltern keine Arbeit haben." Im Zuge dessen hatte ich für mich beschlossen, dass ich niemals in den Westen gehen würde. Im Nachhinein weiß ich, dass genau das der Grund für solche Filme war.
Im Sommer 1989 hatten wir Urlaub an der Ostsee gemacht wie in den Jahren zuvor auch. Im Herbst 1989 war ich 11 Jahre alt. Ich hatte die fünfte Klasse begonnen und mein rotes Halstuch bekommen. Wir hatten mit Russischunterricht angefangen und selbstverständlich gab es Pioniernachmittage und Schule am Samstag. Mein Bruder hatte in diesem Jahr Schulanfang gehabt und das blaue Halstuch erhalten.
Mein Vater schaute regelmäßig Nachrichten. Die waren nicht so wie heute, mit möglichst reißerischen Bildern, sondern meist nur vorgelesen. Das DDR-Fernsehen berichtete in diesem Herbst mehr über Feierlichkeiten zu 40 Jahre DDR, aber wir hatten ja auch Westfernsehen. Erinnerungen habe ich daran keine mehr, aber das weiß ich aus Erzählungen.
Und dann gab es einen Montag, in dem wir Kinder mit den Eltern und unzähligen Einwohnern unseres Wohnortes mit Kerzen in der Hand eine Straße entlang liefen. Ich verstand damals nicht wirklich, worum es ging, aber ich erinnere mich an die Gefühle die ich hatte: Hier passiert etwas Großes und ich darf dabei sein.
Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass dies die einzige Montagsdemo in unserem Ort war. Aber im Verborgenen war in unserem Ort schon lange vorher viel geschehen. Es gab regelmäßige Friedensgebete in der Oberstadtkirche mit wachsenden Besucherzahlen und dem vollständigen Sicherheitsaufgebot in den Seitenstraßen. Die Menschen, die daran teil genommen hatten, hatten Angst davor, abgeholt zu werden oder ihre Kinder weggenommen zu bekommen. Und einige Einwohner unseres Ortes fuhren regelmäßig jede Woche nach Leipzig in die Nikolaikirche.
Ich bekam davon nicht viel mit, ich lebte mein behütetes Leben als 11jährige. Und genau deshalb habe ich die Maueröffnung verschlafen. Ich kann nicht mehr sagen, wann und wie genau ich das mitbekommen habe, meine aber, dass mein Vater die Nachrichten live gesehen hat, in denen die legendären Worte von Günter Schabowski erstmals gesendet wurden.
Die nächsten Tage in der Schule waren irgendwie seltsam, anders als sonst. Natürlich sprachen wir über die Ereignisse, manche Lehrer waren aufgeschlossener als andere. Und immer wieder fehlte der ein oder andere. Unsere Schule hatte eine Sonderregelung getroffen, die es möglich machte, Kinder ohne Antrag kurzfristig aus der Schule nehmen zu können.
Leider weiß ich nicht mehr, wann nach Grenzöffnung wir rüber fuhren und unser Begrüßungsgeld abholten, aber ich weiß noch, dass wir im Dunkeln los fuhren, stundenlang vor der Grenze im Stau standen und unser Trabbi voll besetzt war. Vom ersten Westgeld kauften wir hauptsächlich Lebensmittel, aber wir Kinder durften uns auch etwas aussuchen. Ich wollte gerne eine Barbie und mein Bruder entschied sich für ein farbwechselndes Auto.
Wir fuhren noch ein zweites Mal rüber in dieser Zeit, da bekam ich ein kleines Telespiel. Außerdem kauften meine Eltern zwei kleine Taschenrechner, Walkmans für meinen Bruder und mich, ein Ladegerät und Akkus. Allein ein Taschenrechner, den ich irgendwann für die Schule brauchen würde, hätte in der DDR rund 300 Mark gekostet. In dem Laden war er sehr viel preiswerter. Von Akkus und einem Ladegerät hatte ich vorher noch nie gehört, einzig den Walkman kannte ich aus Erzählungen.
Ansonsten verschwand in dieser Zeit unsere damalige Katze. Als wir frühmorgens im Dunkeln nach Westen aufbrachen, ließen wir sie raus und abends kam sie nicht wieder. Sie wurde noch einmal gesehen (wobei es nicht zwingend unsere Katze gewesen sein musste, denn es gab zu dieser Zeit viele grau-weiß getigerte Katzen im Ort), dann verlor sich ihre Spur. Wahrscheinlich ist sie einem Katzenfänger in die Falle gegangen, denn sie war nicht die einzige Katze, die damals verschwand.
Ich kann nicht mehr sagen, wie ich die Veränderungen erlebt habe, die mit dem Ende der DDR einher gingen. Mit 11 Jahren ist man noch sehr anpassungsfähig. Der größte Unterschied zu vorher war wohl im Schulalltag zu finden. Der Übersicht halber sortiere ich das mit Anstrichen:
- Keine Pioniernachmittage mehr
- kein Appell mit Halstuch am Montagmorgen
- keine "Trommel" (Schulzeitung für Thälmannpioniere mit rotem Halstuch ab Klasse 5) bzw. "ABC-Zeitung" (für Jungpioniere mit blauem Halstuch) mehr
- kein öffentlicher Wettbewerb der Klassen mehr (es gab an unserer Schule eine große Tafel, auf der man Punkte sammeln konnte: das meiste Altpapier gesammelt, die beste Disziplin und ähnliche Leistungen der gesamten Klasse)
- samstags kein Unterricht mehr
- keine gegenseitige Überwachung der Schüler in einer Klasse (es gab Hefte, in denen man rote=gute und blaue=schlechte Punkte sammelte, z.B. für vergessene Arbeitsmittel und Hausaufgaben gab es blaue, für Mithilfe bei Altpapiersammlungen rote Punkte)
- die Pionierleiterin war die erste, die aus dem Schuldienst entlassen wurde
- Sonderregelung: ab 2. Halbjahr der 5. Klasse durften wir Französisch statt Russisch lernen (ich blieb bei Russisch, in meiner Klasse wechselten nur drei zu Französisch)
- Sonderregelung: ab Klasse 6 bekamen wir Englischunterricht (sonst gab es die 2. Fremdsprache ab Klasse 7)
Sicher gab es noch viel mehr Dinge, die sich veränderten, aber die sind mir nicht so im Gedächtnis geblieben.
Wie war das bei euch? Wie habt ihr die Wende erlebt? Wie alt ward ihr?
Ich weiß, dass hier doch so einige mitlesen, das seh ich an den Statistiken. Vielleicht habt ihr ja Lust, euch auch mal mit einem Kommentar zu zeigen?
Liebe Grüße von TAC voller Erinnerungen
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