Am Montag war die Beerdigung des 16jährigen.
Bereits am Morgen sahen wir die ersten Menschen, die Blumen zum Friedhof brachten.
Als wir hin kommen, sind schon sehr viele Menschen da, in Feuerwehruniform, Vereins-T-Shirt, in schwarz, in Motorradkleidung... Ganz wie von der Familie gewünscht.
In der Halle steht ein schöner heller Holzsarg, darauf ein Foto des Jungen.
Mutter und Oma sind davor, nehmen Umarmungen und gute Worte auf. Wirken gefasst.
Wir reihen uns ein, umarmen die engsten Familienangehörigen, flüstern Worte in ihre Ohren, die hohl klingen aber hoffentlich ein wenig trösten, drücken Hände der ferneren Angehörigen, halten am Sarg inne, legen Rosen nieder, treten wieder heraus und reihen uns zu den Wartenden ein.
Es ist warm, die Sonne scheint mit voller Kraft. Auf dem Friedhof ist es schattig, kühl. Viele Menschen sind da, hier und da murmelt es, Taschentücher rascheln, schluchzen... Die Vögel zwitschern und jubilieren lauter.
Der Pfarrer kommt, spricht ein kurzes Gebet. Dann wird der Sarg zum Grab gebracht, abgesenkt. Seine Zwillingsschwester schreit verzweifelt auf, Menschen weinen, suchen Halt aneinander. Wieder einige Worte des Pfarrers, dann dürfen sich die Menschen verabschieden.
Es dauert sehr lange, fast eine Stunde, bis die geschätzten 300 Menschen am Grab gestanden und ihre letzten Gedanken mit den Rosenblättern auf den Sarg gestreut haben.
Fast alle Trauergäste folgen dem Ruf der Glocken in die Kirche zum Gottesdienst. Die Bänke sind gut gefüllt. Die Junge Gemeinde singt 3 Lieder, die er so gerne gesungen und selbst für seinen Abschiedsgottesdienst ausgesucht hat. Es ist sehr bewegend, vor allem auch der "persönliche Brief", den der Pfarrer statt einer Predigt geschrieben hat und vorliest.
Seine Worte sind tröstlich, seine Bilder passend. Wir Christen glauben an Auferstehung, daran, dass Tote bei Gott sind, dass Jesus persönlich sie in den Himmel holt und das wir uns eines Tages alle wieder sehen. Der 16jährige und Jesus zusammen Fahrrad fahrend - bei diesem Gedanken des Pfarrers müssen einige sogar schmunzeln.
Es werden viele Taschentücher gebraucht an diesem Tag. Gestandene Männer schluchzen so, dass die Kirchenbank wackelt. Es wäre schon fast skurril, wenn es nicht so traurig wäre.
Und wieder schwebt eine Frage durch den Raum: Warum?
Das werden wir nie erfahren. Viele Kleinigkeiten kamen wohl zusammen. Und dennoch bleibt die Frage nach dem Warum?
Später im Trauercafé drehen sich die Gespräche wieder um Alltäglichkeiten. Aber auch das Warum? mischt sich immer wieder ein. Viele erinnern sich an Menschen, die sich ebenfalls das Leben genommen haben. Mein Bruder erzählt von seinem Kumpel, damals gerade 18, der sich erschossen hat und von dessen Abschiedsbesuch zwei Tage zuvor. Erst vor ein paar Jahren ein Mann, mitten im Leben, gemocht, am Tag zuvor noch feiernd mit Freunden, Spaßvideo gedreht mit dem Handy... Am nächsten Tag die Todesnachricht.
Es ist nicht zu verstehen, warum Menschen sich selbst töten. Wie verzweifelt müssen sie in ihrem Inneren gewesen sein? Wie groß war der Kampf und welcher Berg kann so hoch sein, dass der Tod als der leichtere Ausweg angesehen wird?
Ich denke in diesen Tagen ganz besonders an die Menschen, die einen Angehörigen oder einen Freund so plötzlich und durch eigene Hand verloren haben und wünsche ihnen Kraft und Mut für den weiteren Weg ohne den geliebten Menschen.
Auch am Grab meiner Großeltern halten wir inne. Meine Oma starb vor genau 5 Jahren, allerdings durch Alter und Krankheit im hohen Alter. Auch das ist traurig, aber leichter zu verstehen, denn es ist der normale Weg.
In diesem Sinne, sucht euch Hilfe, wenn der Berg in eurem Inneren zu groß und unüberwindbar wird. Wir haben hier in Deutschland alle Möglichkeiten, es gibt Seelsorge, anonyme Beratungen, Telefonnotrufe... Aber tut euch selbst und denen, die euch lieben, sowas nicht an!
Bewegte Grüße von TAC







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