Ein entfernter Bekannter hat sich das Leben genommen.
Gestern hab ich es erfahren, dabei ist es schon ein paar Wochen her. Seitdem denke ich darüber nach, warum er es gemacht hat. Mein Mann hat es vermutlich gestern schon auf den Punkt gebracht: "Er kam in seinem Körper wohl nicht mehr klar..."
Kennen gelernt hab ich ihn als Mann. Er war handwerklich geschickt, immer ruhig und freundlich, lächelte aber eher selten. Auf mich machte er einen gelassenen, zufriedenen Eindruck. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hatte er einen Rock an. Er schien sich damit recht wohl zu fühlen. Aus den Medien weiß ich, dass es Menschen gibt, deren Körper genau das andere Geschlecht hat, als sie sich fühlen. In der heutigen Zeit ist es möglich, den Körper den Gefühlen anzugleichen, das ist allerdings ein langer, schmerzhafter Weg. Und das ist "nur" der körperliche. Der soziale Weg ist vielleicht sogar der schwierigere. Menschen, die einen so kannten, sollen plötzlich jemand anderes in einem sehen... vor allem für enge Verwandte und Freunde ist das sicher sehr schwer. Und für den Betroffenen? Was muss dieser erst durch machen, wenn schon das Umfeld Schwierigkeiten damit hat?
Ich habe großen Respekt vor Menschen, die sich "outen", egal weswegen. Das ist sehr schwer, wie ich von einem guten Freund weiß, der schwul ist. Bei ihm war ich damals einer der ersten Menschen, denen er es gesagt hat. Er hatte Angst davor, wie ich - und andere Personen - reagieren könnten. Ich gebe zu, damals war ich etwas überrascht, aber danach hatte ich viele Fragen, die ich ihm auch stellen durfte. Und ich glaube, das war gut so. Für mich ist er dadurch kein anderer Mensch geworden, aber ich habe ihn besser verstanden.
Insofern frage ich mich jetzt, ob es gut gewesen wäre, diesmal ähnlich zu reagieren... Vielleicht wäre es gut gewesen, ihn darauf anzusprechen, ihm Verständnis entgegen zu bringen. Behinderte sagen, es ist einfacher, mit offen gestellten Fragen umzugehen, als mit verstohlenen Blicken. Vielleicht war es für ihn genauso? Ich habe ihn nur einmal als Frau gesehen, für ein paar Minuten. Auch diesmal war ich überrascht, und ich hätte viele Fragen gehabt. Aber da er nur ein Bekannter war, habe ich sie nicht gestellt.
Wie verzweifelt muss er gewesen sein, dass er diesen endgültigen Weg gegangen ist?
Ihm wünsche ich, dass er jetzt Ruhe findet.
Und seiner Familie wünsche ich sehr viel Kraft, mit dem Verlust fertig zu werden. Ich wünsche ihnen Mut, wieder nach vorn zu schauen, Menschen, die ihnen Trost geben und Erinnerungen, die irgendwann zu schönen Erinnerungen werden.
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